PZ 25 2013/2014

Der 25. Proben- und Konzertzyklus war aus dreierlei Hinsicht ganz besonderer: Einerseits feierte das Landesjugend-Akkordeonorchester Bayern Jubiläum: ein viertel Jahrhundert! Desweiteren gibt die Gründerin und ununterbrochene Organisatorin sowie auch gelegentliche Dirigentin des Landesjugend-Akkordeonorchesters Bayern, Hedy Stark-Fussnegger, nach 25 Jahren äußerst erfolgreicher, engagierter und passionierter Arbeit für das Orchester die Organisation an den DHV Landesverband Bayern ab, um sich neuen, ambitionierten Herausforderungen zu widmen! Hedy Stark-Fussnegger etablierte dieses Orchester durch ihren unermüdlichen Einsatz zu einem internationalen Referenzorchester, welches nahezu von Beginn an als Institution in der Akkordeonorchester-Landschaft gilt. Der dritte und letzte Punkt, der diesen Konzertzyklus zu einem ganz besonderen macht: Das LJAO Bayern unternahm eine der interessantesten und fernsten Tourneen seiner Geschichte: Das Jubiläums-Highlight - die Konzert-Tournee - führte das Auswahl-Orchester in das Reich der Mitte: nach China! Das LJAO Bayern folgte vielen Konzerteinladungen und besuchte dabei die Städte Peking, Shanghai, Wuxi, Guangzhou, Shenzhen und Hong Kong. Die Konzerte waren in jeglicher Hinsicht außergewöhnlich, denn überall ausverkaufte Konzertsäle - jedes der Konzerte besuchten mehrere hundert Musikinteressierte - als auch Gemeinschaftskonzerte mit chinesischen Jugendorchestern schenkten dem Publikum viele magische Momente. Nicht zuletzt aufgrund der besonderen musikalischen Klasse dieses Orchesters ließen die jungen Auswahl-Musiker jedes ihrer Konzerte zu unvergesslichen Erlebnissen für alle werden.

Den Taktstock in diesem Proben- und Konzertzyklus hatte Gerhard Koschel (Dirigent, Arrangeur, Dozent an der Universität Passau) inne, der das Orchester bereits im letzten Konzertzyklus dirigierte und die überaus erfolgreiche musikalische Arbeit mit dem Ensemble fortsetzte.

 

Programm:

  • Festive Ouvertüre; Dimitri Schostakowitsch, arr.: Thomas Bauer
  • Maskerade-Suite; Aram Chatschaturian, arr.: Gerhard Koschel
  • Vocalise; Sergej Rachmaninoff, arr.: Gerhard Koschel
  • Sinfonietta Concertante; Karl-Heinz Wolters, arr.: Rudolf Würthner
  • Capriccio; Philipp Haag
  • You Dance von Motion Trio; Pawel Baranek, arr.: Robert Baas
  • Simple Symphony; Benjamin Britten, arr.: Hans-Günther Kölz
  • Die glorreichen Sieben; Elmer Bernstein, arr.: Rico Reinwarth
  • Tea for two (Akkordeon-Duo Stefan Fußeder und Florian Heckel); Vincent Youmans, arr.: Werner Heetfeld
  • Cavatina der Rosina (aus Der Barbier von Seviglia”); Gioacchino Rossini, arr.: Klaus Hüttenhofer;
    (Solistin: Johanna Hüttenhofer-Fußeder, Mezzosopran)
  • Meine Lippen, sie küssen so heiß (aus „Giuditta“); Franz Lehar, arr.: Stefan Fußeder;
    (Solistin: Johanna Hüttenhofer-Fußeder, Mezzosopran)

 

Konzerte:

Konzerte in China:

  • Konzert 1 am 27.08.2014: Yue Hai Zhen Sheng-Kunstzentrum für angewandte Kunst, Peking/CHN
  • Konzert 2 am 30.08.2014: Open-Air Konzert anlässlich der Eröffnung zu Ölmalereien und chinesischer
                  Kalligraphie im Zhan Zhou International Art, Cultural and Creative Industry Park, Peking/CHN
  • Konzert 3 am 31.08.2014: Shanghai Conservatory of Music im He Lu Ting-Konzerthaus, Shanghai/CHN
  • Konzert 4 am 02.09.2014: Konzerthaus des Fernsehsenders der Stadt Wuxi, Wuxi/CHN
  • Konzert 5 am 05.09.2014: Musiksaal des Ling Nan Instituts der Sun Yat-Sen Universität, Guangzhou/CHN
  • Konzert 6 am 06.09.2014: Gemeinschaftskonzert mit der Yucai Grundschule, Shenzhen/CHN
  • Konzert 7 am 07.09.2014: Gemeinschaftskonzert und Wettbewerb mit der Yucai Grundschule,
                  Shenzhen/CHN

 

Konzerte in Deutschland:

Neben der Konzertreise vom 25. August bis 9. September mit sieben Konzerten in China fanden auch zwei Konzerte in Deutschland statt:

  • Sonntag, 06. Juli 2014, 16:00 Uhr
    August-Everding-Saal der Musikschule Grünwald, Grünwald bei München
  • Samstag, 01. November 2014, 19:00 Uhr
    Konzertsaal der Musikakademie Alteglofsheim, Schloss Alteglofsheim

 

 

Konzerttournee des LJAO-Bayern nach China
vom 25. August bis 9. September 2014

Reiseroute des Orchesters:

München - Peking (Beijing) - Shanghai - Wuxi - Shanghai - Guangzhou - Shenzhen - Hong Kong - Shenzhen - Peking - München.

 

Nachfolgend ein humorvoller Reisebericht unseres Aktiven Martin Sigl - an dieser Stelle herzlichen Dank für die viele Arbeit:

Inhaltsverzeichnis:
Tag 1:  Flug nach Peking
Tag 2:  Peking: Chinesische Nationaloper - Sommerpalast von Kaiser Qianlong
Tag 3:  Peking: Gemeinschaftskonzert mit der Yue Hai Zhen Sheng-Musikschule
           Konfuziustempel Kong Miào - Olympiapark und Olympiastadion (Olympische Sommerspiele 2008)
Tag 4:  Peking: Chinesische Mauer - Peking-Oper - Seidenmanufaktur
Tag 5:  Peking: Himmelstempel - chin. Teezeremoniehaus - Platz des Himmlischen Friedens - Verbotene Stadt
Tag 6:  Peking / Shanghai: Open-Air Konzert Ölmalerei- und chinesische Kalligraphie-Ausstellung
           Reise mit dem Nachtzug von Peking nach Schanghai
Tag 7:  Schanghai: Yu-Garten (histor. Altstadt) - Konzert Concert Hall of Shanghai Conservatory of Music
Tag 8:  Schanghai: Sightseeing Schanghai - Schiffahrt auf dem Fluss Huangpu
Tag 9:  Schanghai / Wuxi: High School No. 1 - Seidenfärberei- und Kalligraphie-Workshop mit den Schülern
           Konzert im Konzerthaus des Fernsehsenders der Stadt Wuxi
Tag 10: Wuxi / Schanghai / Guangzhou: Sightseeing Wuxi - Flug nach Guangzhou
Tag 11: Guangzhou: Sightseeing Guangzhou - Besichtigung des Ahnentempels der Familie Chen
           Empfang beim Präsidenten d. Sun Yat-sen University
Tag 12: Guangzhou: Probe und Konzert im Konzertsaal des Ling Nan Instituts der Sun Yat-Sen University
Tag 13: Guangzhou / Shenzhen: Ankunft in Yucai-Grundschule, Shenzhen - Einteilung des Orchesters in
           Familien der Schüler: authentisches Kennenlernen von Kultur, Leben und Alltag chinesischer Familien
Tag 14: Shenzhen: Probe und Gemeinschaftskonzert mit dem Akkordeonorchester der Yucai Grundschule
Tag 15: Shenzhen / Hongkong: Sightseeing Hongkong - Avenue of Stars - Standseilbahnfahrt Victoria Peak
Tag 15½ & 16: Hongkong / Shenzhen / Peking / München: Rückflug nach München; Zwischenstopp in Peking

Tag 1

Die letzte monumentale Konzerttournee war erst dreieinhalb Jahre her, die Vorfreude auf die Reise nach China schmälerte dies aber nicht.
Nach Verteilung verschiedenster Aufkleber für die zahl- reichen Gepäckstücke nahmen alle ein kollektives Mittags- mahl am Flughafen ein. Unmittelbar nach dem Sicherheits- Check durfte ein Teil der Reisegemeinschaft einen klassischen pedantischen deutschen Beamten kennen- lernen. Allein das Aussprechen des Wortes „Sprengstoff“ führte zu einer ausgiebigen Belehrung, welch kosten- und personalintensiven Maßnahmen daraus entstehen können. Den Wunsch nach etwas Spannung und Abwechslung im Arbeitsalltag wollte (und konnte) dem Herren aber nicht erfüllt werden.
Der zehnstündige Flug über Prag, Minsk, Moskau, Jekaterinenburg und Novosibirsk bis Peking verlief störungs- und schlafarm.

Tag 2

Die Einreise nach China verlief wenig spektakulär, viel beeindruckender war die enorme Größe des Terminal 3 des Flughafens von Peking. Nach den Kontrollen wurde das komplette Gepäck auf Nachfrage unbeschadet überreicht.
Mit einem herzlichen Empfang und die Morgenstimmung einfangenden Fotos wurde man an den Bus zum Hotel geleitet. Eine wenige Minuten fassende Erholungspause und ein erstes Zusammentreffen mit der chinesischen Küche musste reichen um den Unternehmungsgeist als ausreichend hoch für Sightseeing erklären zu können. Über einen kurzen Abstecher an die chinesische Nationaloper wurde das Hauptziel des Tages erreicht, der Sommerpalast. Errichtet von Kaiser Qianlong als Geschenk zum 60. Geburtstag seiner Mutter wurde die Anlage mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten ausgiebig begutachtet und erkundet.
Peking steht mit ca. 21 Millionen Einwohner auf Platz drei der bevölkerungsreichsten Städte Chinas. Für so viele Menschen braucht man dementsprechend viel Platz, was für lange Strecken zwischen dem Hotel und den besuchten Sehenswürdigkeiten sorgte. Die zahlreichen Einwohner taten dann ihr Übriges um auch die benötigte Zeit für die Fahrten zu erhöhen. Obwohl der Stadtverkehr übel war (Motto: „Der Mutigere hat Vorfahrt!“) und viel gehupt wurde, blieben alle ruhig und nutzten die Möglichkeit um Schlaf nachzuholen.
Sehr bald nach dem Abendessen in einem gemütlichen kleinen Restaurant gegenüber des Hotels versuchte jeder zügig sein Verlangen nach stationärer Erholung zu befriedigen und landete zum zweiten mal an diesem Tag, jetzt aber im Bett.

Tag 3

Als geübter Restaurantgänger bekommt man auch in Europa einen Einblick in die chinesische Küche - und bei den bisherigen Mahlzeiten konnte man sich auch immer recht schnell darauf einigen, was man denn da gerade isst. Da es sich aber noch nicht durchgesetzt hat, in Deutschland auch zum Frühstück zum Chinesen zu gehen, war die Neugier auf die erste Essensaufnahme zur Morgenzeit groß. Im Nachhinein betrachtet war es ein gelungener Versuch, das Essen den Mägen anzupassen. Es wurden sogar extra 27 Besteckgarnituren besorgt, bestehend aus Messer und Gabel. Der Speiseplan für den Aufenthalt in Peking bestand aus köstlichem Salat, einer Wurst, Spiegeleiern und Toastbrot (oder besser: Ungetoastbrot).
Am Vormittag stand auch schon das erste Konzert in einer Musikschule an. Die Räumlichkeiten dazu befanden sich irrtümlicherweise nicht in dem Kaufhaus, in das die Instrumente anfangs geschleppt wurden. Nach kurzer Diskussion ging es dann noch mal ein paar hundert Meter weiter in ein anderes Kaufhaus, in dem dann die Musikschule am vermuteten Ort wartete. Begrüßt wurden die kleinen Grüppchen, die verschwitzt aus Richtung Aufzug kamen von einem guten Dutzend fotografier-freudiger Menschen auf dem Gang der Schule, die herzlich den Weg zum Aufenthaltsraum zeigten.
Es fiel schnell auf, welch platzsparende Bauweise und Inneneinrichtung in bevölkerungsreichen Städten wie Peking vonnöten ist. Der Konzertraum ließ sich recht gut in drei Bereiche aufteilen. Im vorderen Teil war der Vorführbereich für Musiker und Redner, im mittleren Teil saßen die Kinder aus dem Heimorchester und im hinteren Teil fand sich der Platz für die Gäste, die sich bereit machten für die bevorstehenden Begrüßungen, deren Übersetzungen, und Aufführungen bis zum eigenen Auftritt.
Dem aus geschätzt vier- bis vierzehnjährigen Kindern bestehenden chinesischem Akkordeonorchester folgten ein Solo eines der jüngsten Mitspieler am Schlagzeug zu den Klängen von „Hey Jude“ von den Beatles und ein Solo sowie ein Duo mit traditionellen chinesischen Instrumenten und Musik. Die Qualität der bajuwarischen musikalischen Darbietung war trotz einiger widriger Umstände selbstver- schuldet. Im ersten Stück konnten wenn überhaupt nur die Bassisten den Bass wahrgenommen haben, es fehlte jede Form von vernünftiger Verstärkung. Der Paukenspieler beließ es wegen fehldendem Instrumentarium bei rein moralischer Unterstützung und der Schlagzeuger am elektrischen Drumset hatte einen mindestens großen Abstand zur eigentlichen Geräuschquelle.
Trotzdem empfing jeder mindestens ein Geschenk, überreicht von den kleinen Akkordeonisten. Glücklicher- weise werden seit einigen Jahren die meisten Fotos digital gespeichert, denn eine 42 Kilometer lange Kette aus Bildern hätte der folgende Fotografiermarathon leicht zur Folge haben können.
Das Mittagessen, das in der Musikschule kredenzt wurde, zeigte anschaulich, warum es sich in Italien bisher noch nicht durchsetzen konnte, Spaghetti mit Stäbchen zu essen.
Auch an diesem Tag war Sightseeing auf dem Plan, ein konfuzianischer Tempel und der Olympiapark samt Stadion.

Tag 4

Der Tag unterschied sich im Frühstück und der Busfahrt vom vorhergehenden unwesentlich, wurde dann aber sogleich spektakulärer, denn nach circa 80 Kilometern und eineinhalb Stunden Fahrt war die Chinesische Mauer bei Badaling erreicht. Die ursprüngliche Abwehrfunktion erfüllt das Bauwerk schon lange nicht mehr und so hat die Mauer dementsprechend auch versagt, die mit einem Akkordeon bewaffneten Musiker fernzuhalten. Um damit möglichst wenige Besucher zu echauffieren wurde die steilere Besteigungsroute, die nur von den wagemutigsten Touristen bezwungen wird, gewählt. Die Mauerwanderung führte bis zum beschaulichen Ende des restaurierten Abschnittes, in dessen Luft die teils musikalischen Klänge eines Akkordeons wahrgenommen werden mussten.
Für eine Teilnahme am Mittagessen war es erforderlich, durch das Erdgeschoss eines Kaufhauses zu flanieren. Der Weg führte durch die dort übliche Mauer-Merchandising- Maschinerie mit mäßig mitreißendem Material - die meisten konnten das Personal erfolgreich abwehren - zu einem herrlichem Buffet mit europäischem Essbesteck.
Freudenvoll aufgenommen wurde noch etwas zusätzliche Zeit, um die umliegenden Geschäfte und Straßenstände zu begutachten. In kleinen Grüppchen zersplittert ging man den Weg - wundervollste Gegenstände zu absolut fairen Preisen dankend ablehnend - zum Busparkplatz und man versuchte, den Bus zu finden. In China sind trotz vieler Schwierigkeiten bei der Vermeidung von Umweltver- schmutzung Versuche zur Verbesserung wahrnehmbar. Die vielen tausende Roller, die man in den großen Städten sehen konnte, wurden ausschließlich elektrisch ange- trieben. Der geringe Pfand auf Plastikflaschen wirkt motivierend auf alle Flaschensammler, die teils schon nach dem ersten Schluck leibwächtergleich nicht mehr von der Seite weichen und sich ständig anbieten, die schwere Last der nicht im Ansatz leeren Flasche zu übernehmen.
Die Wartezeit bis zur vollständigen Versammlung in und um den Bus brachte einen kurzen Einblick in die diversifizierte chinesische Kindererziehung. Ein kurzer Stoß von einer fünftstufigen Treppe reichte wohl für die Mutter eines kleinen Jungen als Bestrafung für was auch immer nicht aus, deswegen durften seine Knie und Unterschenkel noch ein paar mal schwungvoll die Treppenstufen begrüßen.
Die anschließende Rückfahrt bot eine Auftrittsfläche als Botschafter der Demokratie, eine Abstimmung für die nächste Sightseeingetappe stand an. Der Zeitplan erlaub- te nur noch eine touristische Aktivität vor Beginn einer verheißungsvollen Aufführung einer Peking-Oper. Der Besuch einer Seidenmanufaktur gewann dabei mit zwölf zu zehn Stimmen gegen eine Süßwasserperlenzucht. In nur 20 Minuten erklärte und zeigte man die wesentlichen Bestandteile der Seidenproduktion von der Raupe bis zum fertigen Stoff und wurde vom ca. zwei Dutzend starken Verkaufspersonal kritisch beim Befühlen und Anprobieren der dargebotenen Endprodukte beäugt.
Der Höhepunkt des Tages stand nun unmittelbar bevor: die Peking-Oper. Für das 50 Minuten dauernde Spektakel ließen sich nicht alle begeistern, aber die meisten waren nicht bereit, sich diese seltene Gelegenheit des Einblicks in die chinesische Kultur entgehen zu lassen. Drei kleine Ausschnitte aus bekannten Opern wurden versprochen und dargebracht. Zusammen mit vielen anderen Touristen (und deren Störgeräuschen) folgten die Augen gebannt den vorbeirauschenden Untertiteln an der Leinwand.
Im ersten Stück jagten sich zwei Männer in einem dunklen Raum und verpassten sich mit ihren Waffen slapstickartig für eine gute Viertelstunde. Vergleichbar mit Dick und Doof auf Ritalin, allerdings in Farbe und bunt.
Zweiter Teil.
Heftiges Getrommel kündigte das nächste Stück an. Themen waren unter anderen irgendwas mit Luft, Klippe und Wind. Die lang gedehnten Tonsilben wirkten mehr als Hinweis auf einen sich rasend nähernden Waldbrand (→ Sirene) und wurden unangenehm durch die Sound- anlage verstärkt. Es übertraf den komödiantischen ersten Teil unfreiwillig und deutlich an Komik.
Das Ende naht. Ein Kaiser von China konnte sich gegen eine Han-Armee nicht verteidigen und bevor er sich selbst aufschlitzte durfte er noch einmal zeigen wie gut er tanzen kann.
Vieles in der Oper wirkte befremdlich, und dementspre- chend verstört wirkten einige auf dem Weg zum und beim Abendessen. Der Tag war lange und ereignisreich, aber nicht erschöpfend genug um auf heitere Abendgestaltung verzichten zu wollen. Das Hotel war leider nicht darauf eingerichtet, dass jemand die Relevanz einer letzten Treppenstufe unterschätzt und es war zu fortge- schrittener Stunde kein Kühlmaterial aufzutreiben. Kurzerhand wurde improvisiert und auf heimische Heil- methoden umgeschwenkt. Auf dem Boden der Hotellobby wurde eine Schale mit feinstem Feigenschnaps vor dem größer werdenden Publikum entzündet und leicht massierend auf den umgeknickten Fuß aufgetragen. Die fünfzehnminütige Behandlung hinterließ einen leicht süßlichen Duft mit dem Aroma verbrannter Haare in der Luft. Der Patient wurde schnurstracks huckepack aufs Zimmer gebracht - zur Behandlung des Fußes von innen.

Tag 5

Schön dass Peking groß genug ist für einen weiteren Tag voller Sightseeing. Die Abfahrt um halb neun war wie immer pünktlich. Das erste Ziel des Tages, der Himmelstempel, ist eines der berühmtesten Wahrzeichen der Stadt. Direkt am Eingang zur Tempelanlage warteten schon die ersten Verkäufer von Souvenirs und hilfreichen Sachen wie Fächer oder Getränke. Einer davon kreuzte höchst motiviert durch unsere Gruppe und ließ kaum eine Gelegenheit aus, mit der offenen Hand auf möglichst große Bäuche zu trommeln, mit breitem Grinsen „Happy Buddha!“ zu lachen und dabei nie zu vergessen, mit einer bunten Broschüre des Himmelstempels vor dem Gesicht zu wedeln.
Der Besuch der Anlage durfte nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, denn eine verkürzte Teezeremonie zur Kostprobe von fünf Tees sollte noch vor dem Mittagessen Platz haben. Dies war dann auch eine passende Gelegenheit, um Tee zu kaufen.
Zum Mittagessen wurden Peking-Enten verspeist und als Verdauungsspaziergang eine Route über den Tian’anmen- Platz (Platz des Himmlischen Friedens) gewählt, der aus „Sicherheitsgründen“ mit dem Sonnenaufgang geöffnet und dem Untergang geschlossen wird. An den Grenzen des Tian’anmen endete das Flanieren aber nicht, die Verbotene Stadt folgte direkt.
Rast und Ruhe war dort ebenfalls nicht vorgesehen, für die zahlreichen Nebengebäude fand sich kaum Zeit für tiefergehende Inspektionen, denn schließlich musste für das Abendessen noch eine weitere Busfahrt in Kauf ge- nommen werden. Nach Bekanntgabe einer festen Treffzeit und deren Ort strömten alle in die verschiedensten Richtungen aus, um in den kleinen Gassen rundherum die vielen Waren zum essen und vergessen anzusehen. Zum ersten Mal war auch die vermutete chinesische Produkt- palette an Nahrungsmitteln zu sehen. Vogelspinnen, Skorpione, Meerschweinchen, Katze, Hund und Seepferd- chen wurden angeboten, zum Teil lebendig auf Holzspieße gepfählt, um frischest in heißem Fett zubereitet zu werden.
Pünktlich zur langen Rückfahrt zum Hotel hatte sich dann aber jeder auf die ein oder andere Art sättigen können, oder zumindest seinen Hunger oder Appetit besiegen können. Erschöpft in der Basis angekommen sollte für die meisten der Weg direkt ins Bett führen, aber als Überraschung gab es einen weiteren Tagesordnungspunkt. Ein Zusamentreffen mit Künstlern im Weinkeller.
Nicht alle konnten dem beiwohnen, viele befanden sich schon in tiefsten Träumen, die dort anwesenden konnten sich aber in der inspirierenden Atmosphäre von maximal zwei kleinen Gläsern Wein über die Erweckung ihrer Lebensgeister freuen. So wurde beschlossen, endlich dem fest gefassten Plan zu folgen und eine Runde zu joggen. Auch die 25 Grad nachts um halb zwei in Peking bildete für das laufwillige Trio kein Problem, wenn man denn nur genügend Kleidungsstücke ablegt. Nichtsdestotrotz wurde viel Flüssigkeit verloren, welche sich aufzufüllen empfahl. Was in München für eine halbe Maß Bier auf dem Oktoberfest reicht, war im nächsten auffindbaren Super- markt genug für fünf große Flaschen Bier - pro Person. Vom Durst der Kunden beeindruckt zeigte sich der Besitzer des Ladens, der sich dann in der Pflicht sah, trotz mangelnden Kleingelds jeden mit einer Flasche für die Heimreise zum Hotel zu versorgen. Obwohl das chinesische Bier nur ca. 3,6% Alkoholgehalt hatte, wurde die Heimkehr der drei Jogger im Hotel bemerkt.

Tag 6

Zehn Uhr vormittags war ein weiteres Konzert geplant - open air auf einem Platz im Hotelkomplex. Ein weiterer Kaltstart sollte vermieden werden, deswegen wurde eine Probe um 8:30 Uhr angesetzt. Aufgrund dieser solgfältigen Planung konnte die Probe dann auch schon eine halbe Stunde später begonnen werden. Die vielen Reden ver- schoben das Konzert etwas nach hinten und wurde dann auch von nahen Böllern, welche nur schwer zu übertönen waren, musikalisch umrahmt.
Verschwitzt und erschöpft gingen im Anschluss alle auf ihre Zimmer, um sich frisch zu machen und für die Abreise zum Bahnhof am Nachmittag zu packen. Plötzlich änderte sich aber der Plan, denn das Mittagessen im Hotel fiel aus (man hatte nichts für uns gekocht) und man wurde spontan zu einem nahegelegenen Bauernhof mit Bewirtungseinrichtung gebracht.
Es kam dort zu einem Missverständnis - oder zumindest fehlendem Verständnis - als eine Angestellte die jüngste Reiseteilnehmerin (blond mit blauen Augen und in ihrem Kleinkindalter wehrlos) so interessant fand, dass sie kurzerhand beschloss, der jungen Dame den Garten zu zeigen. Da keine Rücksprache mit der Mutter erfolgte und auch aufgrund der Sprachbarriere sowieso nicht möglich gewesen wäre - fühlte sie sich mehr an Kindesentführung erinnert als an einen kleinen Spaziergang unter Freunden.
Der Zug wurde sogar noch rechtzeitig und vollständig erreicht, und Schanghai näherte sich mit mehr als 300 Kilometern in der Stunde. Drei Flaschen Reisewein verur- sachten dann auch noch fröhlichen deutschen Gesang, der beim Anblick des Gefährts zum Hotel jäh verstummte. Der für 33 Personen ausgelegte Bus weiste lediglich für eine handvoll Koffer Platz im offiziellen Stauraum auf, weshalb die Hälfte der Sitzplätze sowie der gesamte Gang mit den restlichen Gepäckstücken belegt wurde. Die menschlichen Transportgüter wurden als flexibles Füll- material und stabilisierende Zwischenlage überall im Bus verteilt und garantierte einen 360° Kollektivblick auf das nächtliche Schanghai.
In den Zimmern der Unterkunft grüßten und grinsten täglich neue freundliche Damengesichter von Visitenkarten, die durch den Türschlitz unvermeidbar immer wieder gekommen sind. Dieser spezielle Charme wurde durch die Glasscheibe zwischen Dusche und Restzimmer (und einer Tür zum Bad gleichen Designs) gut unterstützt.
Nicht jeder konnte sein Zimmer ohne Probleme erreichen. In China gilt die Zahl vier als Unglückszahl aufgrund ihrer Aussprache, die dem Wort Tod sehr ähnlich ist, weshalb man in Gebäuden ab und an den 4. oder 14. Stock vermissen darf. Das bildete aber kein unlösbares Problem, zumal auch keiner ein Zimmer im vierten Stock des Hotels zugewiesen bekam. Die acht hingegen genießt nicht - wie man vermuten könnte - die Stellung als unheilbringende Umschreibung des Doppeltodes, sondern gilt als absolute Glückszahl.
Die weltweit verbreitete Konvention der Zimmernum- merierung fand in diesem Hotel keine konsequente Ver- wendung. Für das Zimmer 1122 stimmte die Intuition des zweiundzwanzigsten Zimmers des elften Stockes, aber ein Zimmer Nummer XY in der fünften Etage wurde nicht mit der 05XY kodiert. Um möglichst viel Segen in das Hotel zu bringen wurden einfach alle scheinbar nicht benötigten Zahlen mit Glück ersetzt und die 05XY zur 85XY. Zur Beibehaltung der Balance aus Glück und Pech musste es bei der Suche nach den Zimmern bei einigen Menschen zu leichten Verzögerungen und unnötigen Liftbenutzungen kommen.

Tag 7

Zur Erhöhung des Sicherheitsempfindens waren in den Zimmern Türketten installiert, die aber ihren Zweck nur bedingt erfüllen konnten. Es kam vor, dass eingehakte Ketten das Aufmachen der Tür nicht verhindern konnten, den Durchgang bei motivierter, schwungvoller Öffnung sogar durch Entfernung großer Teile des Türrahmens vergrößerten.
Das Sightseeing in der 24 Millionen Einwohner fassenden Stadt führte zuallererst in den Yu-Garten in Schanghais Altstadt. Umgeben von vielen historisch wirkenden Gebäuden mit unzähligen Möglichkeiten, Geld für Speisen und Krimskrams von Souvenirqualität oder sogar hoch- wertigen Gegenständen auszugeben, war es der ideale Ort um die nächsten Stunden zu verbringen.
Da am Abend ein Konzert zu spielen war, wurden alle an das Shanghai Conservatory of Music transportiert, es wurde geprobt und vor voll besetztem Saal musiziert. Dies gelang so gut, dass der Dirigent die gemeinsame Zugabe mit den Gastgebern nicht erwarten konnte und beinahe das letzte Stück den Tagesprogramms vergaß. Um einen Einblick in die Virtuosität des eigenen Orchesters geben zu können, wurde vom Dirigenten des chinesischen Ensembles beim gemeinsamen Stück aller Orchester der Radetzky-Marsch in einen Radetzky-Galopp verwandelt.
Ein erfolgreiches Konzert bedarf natürlich einer gebührenden Feier. Da die U-Bahnen bereits um elf Uhr abends ihren Betrieb eingestellt haben, bildeten sich kleinere Grüppchen, die sich in der Stadt verteilten. Zwei Taxis brachen Richtung Innenstadt mit Destination Flaschenöffner auf, dem vorerst zweithöchsten Gebäude Chinas, direkt neben dem höchsten Bauwerk des Landes. Den Namen verdankt der Wolkenkratzer seinem markanten Äußeren, allerdings konnte keine ausreichend große Flasche gefunden werden, weshalb sich diese Gruppe bald einen alternativen Abendveranstaltungsort suchen sollte.
In der Zwischenzeit wurden in der Nähe des Hotels Passanten als Partyplaner benutzt, was ein weiteres Taxi in die schwüle Nachtluft zur Folge hatte. Die Aussicht auf ein Irish Pub mitten in Schanghai war genug Motivation für vier geselligkeitssuchende Musiker. Im Lokal angekommen und mit Getränken versorgt wurde sich ein kurzer Überblick über die Zusammensetzung der dortigen Gäste gemacht. Insgesamt befanden sich, samt der Mitteleuropäer und ohne Personal, ziemlich genau vier Gäste im Pub, weshalb der Versuch zu feiern recht schnell zurück ins Hotel verlagert wurde. Währenddessen schaffte es die Fla- schenöffnergruppe via Handy zugeschalteter Dolmetscher, die Taxifahrer davon zu überzeugen, eine coole Location zum Abfeiern aufzusuchen. Nachdem sich der Weg durch heraustorkelnde Besucher der Discothek gebahnt wurde, ging die Party los. Die Atmosphäre lässt sich am besten am Beispiel einiger junger Chinesinnen erklären, die einen Eimer reihum reichten und reichlich füllten, ihn dabei mehr oder weniger gut treffend, um dann an Ort und Stelle weiterzutanzen, möglichst ohne auszurutschen. Davon beeindruckt ließen sich die Europäer auch zu enthemmten Feiern mitreißen, was dann innerhalb von zwei Minuten einen Rauswurf von sechs der sieben Leute führte. Der letzte stand dann verloren mit sieben Schnäpsen an der Bar und musste durch eine Geheimoperation aus der Discothek befreit werden.

Tag 8

Diesen Tag durfte jeder individuell selbst planen und verbringen. Fast alle bestiegen hohe Wolkenkratzer und viele ließen sich zu günstigen Massagen hinreißen. Eine weitere Aufzählung der vielen Dutzend besuchten Sehens- würdigkeiten folgt jetzt aber nicht.
Von einem Aufenthalt im Hotel auf dem Bett mit TV, Tee und Keksen war strikt abzuraten. Den ausschließlich chinesischsprachigen Programmen konnte man durchaus einiges an Komik abgewinnen, sofern man nicht Tee, sondern ein etwas alkoholhaltigeres Getränk bevorzugte. Es folgt ein kleines Beispiel aus dem TV-Film diesen Tages in der Hotellobby.
Ein Mann und eine Frau messen sich aus unbekannten Gründen im Schwertkampf. Die übermotivierten Sound- effektersteller produzierten dafür eine enorme Anzahl an nicht unterscheidbaren Klingenklängen, von denen nur die Hälfte von den beiden aufeinandertreffenden Plastik- schwertern verursacht wurde. Diese seltenen Treffer wurden dann aber auch mit massivem Funkenflug ausreichend gewürdigt. Letzendlich musste die Frau verlieren, der Mann versetzte ihr den Todesstoß. Ohne eine Miene dabei zu verziehen sackte die Dame in sich zusammen, das Schwert immer noch unter ihrer linken Achsel haltend. Mit dem zufriedenen Lächeln des Mannes tauchte ein misteriöser schwarzer Ninja auf, der nun dem nicht mehr ganz so heiteren Herren mit der Hand schwungvoll auf den Brustkorb schlägt und ihn somit tötet. Fin.
Eine kleine Enttäuschung verursachte der in Schanghai vorhandene Transrapid. Aus Kostengründen beschleunigt er nur bei einem Fünftel aller Fahrten des Tages auf seine Höchstgeschwindigkeit von 430 Stundenkilometern, ansonsten nur auf 300 km/h - im Verlgeich zur vorherge- gangenen Zugfahrt keine Steigerung. Überhaupt hat der Transrapid außer dem Technologietransfer kaum Mehrwert für die Öffentlichkeit. Mit umgerechnet zehn Euro Fahrtpreis für Hin- und Rückfahrt ist er um ein vielfaches teurer als eine Karte für die U-Bahn, bei der die Tageskarte nur ein Viertel soviel kostet. Berechnet man die wesentlich höheren Taktzeiten und die Zeit für das Umsteigen mit ein, spart man mit der Benutzung des Transrapids weder Zeit noch Geld.
Den besinnlichen Abendabschluss bot eine Schifffahrt auf dem Huangpu, zu der sich die gesamte Reisegruppe eingefunden hat, um die hübsch beleuchtete Skyline Schanghais zu bewundern.

Tag 9

Der Tag begann mit dem schweren Abschied von Schanghai und einer zweistündigen Fahrt in einem Bus, nur unwesentlich größer als derjenige vom Flughafen drei Tage zuvor. Die Reise ging nach Wuxi (dt.: „hat kein Zinn“), mit sechs Millionen Einwohnern die kleinste Stadt auf dem Tourneeplan. Vor vielen Jahren hatte sie aufgrund des dortigen Bergbaus noch den Namen Youxi (dt.: „hat Zinn“).
Bei dieser Etappe greifte man auf einen eher kleineren Bus zurück, der vor allem im hinteren Bereich bis unter die Decke mit Gepäck vollgestopft war. Als auf der Autobahn eine Polizeikontrolle passiert und der Füllgrad von den Beamten bemerkt wurde, folgte die sofortige Aufforderung, zur Kontrolle an den Straßenrand zu fahren. Panik verbreitete sich, die Gefahr vor Augen, den Bus zur intensiven Kontrolle vollständig ausladen zu müssen. Die Türe öffnete sich und ein Polizist betrat den Fahr- gastraum. Doch anstatt die dubiosen Reisenden und deren noch dubioseres Gepäck zu inspizieren schoss er nur kurz ein Foto mit seiner Kamera, streckte seinen Daumen hoch und verschwand wieder. Die Ankunft wurde mit einem zwanzigminütigen Frischmachen gefeiert - das nächste Abenteuer wartete bereits, nämlich die High School No. 1 mit insgesamt 3000 Schülern. Das Mittagessen über- raschte mit einer guten Suppe und Schnitzel mit Reis - ohne Messer nur unter großen Anstrengungen zu essen.
Zum Ausgleich durfte man sich in der Gruppe künstlerisch betätigen. Bevor man sich in der Kalligraphie beweisen konnte, musste man seine Kreativität beim Färben eines taschentuchgroßen Seidenstückchens zeigen. Durch Ab- binden bestimmter Stellen entstanden die erstaunlichsten Muster, als die Stoffstücke aus den Farbbädern gefischt wurden. Die kreativitätsverursachenden Hirnareale wurden gut genug angereizt um eine ertragreiche Probe zu provozieren. Geprobt wurde ohne Pauken mit Trompeten (letztere für das gemeinsam mit Chinesen aufgeführte Stück) und letztlich abgebrochen, als sich die eigens eingeflogene Sängerin selbst nicht mehr hören konnte, da das Heimorchester munter und fröhlich begann auf dem Gang vor dem Saal die Instrumente zu stimmen und höchstkomplexe Stellen in ihrem Programm zu üben. Das Konzert startete wie üblich mit Reden, deshalb könnte man den Beginn zu einer musikalisch gelungenen ersten halben Stunde erklären. Es folgten 20 Minuten Schul- orchesteraufführung, gefolgt von einer dreiviertel Stunde weiterer Musik. Das Konzert endete mit einem starken Regenschauer. Ein kleines Heftchen in den Händen eines jungen Mädchens machte die Runde - Autogramme sammeln.
Um das Konzert zu würdigen bedurfte es eines gemein- samen Abendessens mit den chinesischen Offiziellen, inklusive Vorführungen von zwei Chinesischen Spitzen- musikerinnen, gefolgt vom Zurschaustellen musikalischer Aktivitäten der Gäste. Selbstverständlich durfte auch Karaoke nicht fehlen. Einen bedeutenden Beitrag zum interkulturellen Austausch leistete ein binationales Tanzpaar, bestehend aus vorurteilsfreien Kleinkindern.
Was von solchen Tagen bleibt ist beispielsweise die spontane Lösung von Problemen wie zum Beispiel eine verklemmte Badezimmertüre. Wenn man mitten in der Nacht keinen Sprachkurs machen oder sich durch das halbe Hotel klopfen will, bleibt einem oft nur der Rückgriff auf einen brauchbaren Nachttopfersatz in Reichweite.

Tag 10

An diesem Morgen musste schon vorab gepackt werden, damit die Zimmer frei sind und der Bus alle Anwesenden möglichst schnell abtransportieren kann. Um weitere Zeit zu sparen, gelang es mit Sondergenehmigung auf einen Berg zu fahren (statt ihn zu Fuß zu erklimmen), auf dem ein kleiner Aussichtsturm/Teehaus stand, optimalen Ausblick auf einen riesigen See bietend. Man sammelte Eindrücke im Expresstempo um zügig zum nächsten Punkt zu kommen, dem Besuch der Altstadt. Diese war nahezu menschenleer und eher kulissenähnlich, aber ganz hübsch anzusehen.
Ebenfalls ohne Besucher war das Tonfigurenmuseum, das im Anschluss besucht wurde. Viele Stunden hätte man verbringen können, um die vielen Ausstellungsstücke zu bewundern, aber das Mittagessen wartete bereits im Hotel darauf, Verdauungsträkte bei manchen schnell, bei manchen im Normaltempo zu passieren.
Hektisches Busbeladen verschob den Mittagsschlaf auf die Rückfahrt nach Schanghai. Auf dem dortigen Flughafen wurde aber eine minimale Verspätung des Fluges festgestellt. Bei mehr als 1000 Kilometern Luftlinie zum nächsten Ziel bot sich kein Umsteigen auf Bus und Bahn an, weswegen dankend das Kulanzessen der Flug- gesellschaft in Empfang genommen wurde.
Ein paar Stunden später drückte die Gewerkschaft beide Augen zu und ließ doch noch einen Flieger Richtung Guangzhou starten. Die Ankunft in der Unterkunft der Sun Yatsen Universität verschob sich dementsprechend bis tief in die Nacht.

Tag 11

Die Verspätungen des vergangenen Tages erforderten ein nachhaltiges Ausruhen bis weit in den Vormittag hinein, bis die Innenstadt Guangzhous - im speziellen ein dortiges Restaurant - lockte. Die weitläufige Anlage aus verschie- denen kleineren und größeren Gebäuden mit Speisesälen bot zudem gleich eine Möglichkeit für einen Verdauungs- spaziergang, manch einer nutzte aber die Zeit nach dem Essen für die Suche nach einem Supermarkt und bestaunte die unmittelbare Umgebung.
In der höllischen Hitze des frühen Nachmittags beein- druckte die Altstadt, insbesondere deren schattige Stellen. Ein Milchpudding erfrischte neben einer über- drehten Klimaanlage und bereitete auf den Ahnentempel der Familie Chen vor. Nach dessen Besuch wurden zahl- reiche Musikinstrumente erstanden und glücklicherweise nicht gleich ausgiebig ausprobiert.
Das Abendessen fand dieses mal in einem nahezu unüblich offiziellen Rahmen statt, der Präsident der Sun-Yat-sen Universität übernahm die Rolle des Gastgebers. Der herzliche Empfang wurde möglich gemacht durch die alte und enge Bekanntschaft zwischen dem Herren des Hauses und der chinesischen Reiseleitung, und wandelte sich schnell in einen geselligen Abend mit jovialem Leeren von einigen Flaschen Feigenschnaps zu mehreren Hundert Euro pro Pulle. Der Genuss sollte lange dauern, behilflich dabei waren die handlichen Gläser mit einem Zentiliter Fassungsvermögen.

Tag 12

Zentiliter hin oder her, der nächste Tag wurde bis 15 Uhr zur freien Gestaltung freigegeben. Zu größten Teilen fit erscheinte man dann zur Probe für das abendliche Konzert. Dieses orientierte sich am üblichen Verlauf und erfreute das Publikum wie erwartet.
Erfolgreiche Konzerte müssen natürlich wie immer entspre- chend gefeiert werden, hier bot sich sogar die Möglichkeit dies unter freiem Himmel zu tun. Für einige war dafür aber die Nacht zu kurz.
Öffentlich zu urinieren wird in China bei Kindern akzeptiert, was man auf dem Gehweg in der Nähe der chinesischen Mauer und in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens beobachten konnte. Wie hoch die Toleranz- schwelle bei erwachsenen Europäern ist, die Büsche bewässern, konnte nicht abschließend geklärt werden. Und das obwohl sich an diesem Abend ein Einheimischer direkt im Spritzradius des Busches befand. Dieser nahm die Änderung der (Luft-)Feuchtigkeit kommentarlos hin - oder war aber schlichtweg nicht mehr in der Lage sich ausreichend zu artikulieren.

Tag 13

Die letzte Etappe auf der Reise brach mit dem Morgen an. Eine Busfahrt nach Shenzhen läutete das Ende der großen Rundfahrt ein, die letzten Nächte in China sollten in Gastfamilien verbracht werden. Die Organisation vor Ort hat aber bis zuletzt nicht ganz mit dem Besuch gerechnet, weswegen geplant war, nur einen Teil des Orchesters privat unterzubringen, den Rest dagegen im Hotel. Um alle glücklich zu machen durfte man sich auf Listen eintragen und so seine Vorlieben ausdrücken. Es wurde aber noch weiter organisiert. Wie oft angekündigt sind Chinesen überdurchschnittlich spontan, und bis auf wenige Ausnahmen konnte man sich dann doch auf konzentrierten Kontakt mit der fremden Kultur freuen. Es ließen sich genügend Gastfamilien für alle finden, und man war erfreut über die Gelegenheit, mit den Gastgeschenken Entzücken zu verbreiten.
Der nächste offizielle Termin war erst am Morgen des kommenden Tages, deswegen war ein gewisses Interesse an der zu erwartenden Gestaltung des Tages nach der Zuteilung in die jeweiligen Familien vorhanden. Die Ansprechpartnerin für interkulturelle Probleme und Fragen in Planung und Organisation hatte auch eine passende Antwort parat. Ein chinesisches Sprichwort lege nämlich fest, dass der Gastgeber sagt, was denn gemacht werde, und man richte sich danach. Ein zweites chinesisches Sprichwort aber besagt, wenn ein Gast erwartet wird, sagt der Gast, wie der Tag verlaufen solle. Entsprechend stünde für den Nachmittag noch nichts fest.
Der Empfang an der Schule der Kinder der Gastfamilien war sehr herzlich, die Schüler empfingen die Gäste Spalier stehend. Als dann die Instrumente in der Schule unter- gebracht wurden begann die Zuteilung in die Familien. Die Beherberger gaben die Anzahl der vorhandenen Schlafplätze und das gewünschte Geschlecht an und der lauteste oder schnellste gewann und durfte sich eines Obdachs für die Nacht sicher sein.
Manch einer überzeugte mit seinem Äußeren und wurde sofort von mehreren Familien beansprucht, während andere (vorwiegend mit Drei- bis Zehntagebart) bis zuletzt auf ihre Unterkunft warten mussten.
Zur Verabschiedung bis zum nächsten Tag wünschte man sich nun viel Glück mit den nur selten englisch sprechenden Gastgebern. In den kommenden Stunden schafften es immer mehr Leute, sich via WLAN und Smartphone zu kontaktieren und berichteten fleißig im Gruppenchat über erste Erlebnisse und freudenvolle oder denkwürdige Ereignisse. Von halböffentlichen Bädern oder mehrköpfigen Familien auf 30 m² bis hin zu vierstöckigen Villen in nobelsten Wohngegenden war alles dabei.

Tag 14

Um zehn Uhr vormittags war offizieller Treffpunkt an der Schule der Gastkinder, doch eine Probe vor Ort war nicht möglich. Deshalb durfte man sich die Highlights der Gegend genauer ansehen. Die Hitze war im Vergleich zu Schanghai und Guangzhou nochmal deutlich unangenehmer. Bei nur nachts spürbar unter 30 Grad Temperatur und extremer Luftfeuchtigkeit wurde jeder Meter mit Instrument und sogar auch mit leichtem Gepäck zur schweißtreibenden Arbeit.
Ein klassischer Ablauf vor Konzerten war das Schleppen des Equipments zum Bus, in diesem Falle aus den Lagerräumen der Schule, gefolgt von einer meist erholenden Fahrt in einem überklimatisierten und glücklicherweise nur selten überfüllten Gefährt. Nach einer Akklimatisierungszeit von wenigen Minuten bis hin zu vielen Kilometern durften sich die Schweißflecken an der Kleidung über Erweiterungen freuen.
Bis auf die Konzerte in Peking fanden alle Auftritte in klimatisierten Räumen statt und konnten ohne Trinkpausen auskommen. Die angenehme Temperatur in Shenzhen kam auch dem Kinderorchester, welches das Eröffnungsstück spielen durfte, entgegen. Auf der Bühne warteten sie das Ende der Reden ab, um ihr Können vor den zahlreich er- schienenen Zuhörern zu zeigen. Das geschah mit ange- schnalltem Instrument und im Stehen, weshalb sich manch Redender ein Herz fasste und hier und da etwas kürzte, um früher auf den Punkt zu kommen.
Mehrere Gruppen junger Chinesen führten Stücke auf, nicht nur ein Akkordeonorchester durfte auftreten, auch ein Blasorchester und ein Chor musizierten ihre einstudierten Stücke. Der zweite Teil des Konzertes durfte von den Gästen gestaltet werden. Dies war der letzte Auftritt der Reise und der mittlerweile routinierte Ablauf wurde mit etwas Erleichterung abgeschlossen.
Der Saal wurde aus- und der Bus nach dessen Ankunft eine halbe Stunde später eingeräumt. Die Instrumente wurden zum Teil wieder in der Schule untergebracht, oder aber mit zu den Familien genommen um sie für die große Rückreise sicher zu verpacken. Die Abholung durch die Gastgeber beendete für diesen Tag die gemeinsame Zeit und die meisten verstreuten sich bis zur Abfahrt am nächsten Tag wieder über die Stadt.

Tag 15 

Der letzte Tag in China war auch einer der ereignis- reichsten. Da Shenzhen nur durch einen Fluss von Hongkong getrennt ist, lag eine Besichtigung der Metropole nahe. Dazu wurde sehr früh begonnen den Bus zu beladen. Geschickterweise wurde dies mit einiger Klugheit geplant, denn die sensiblen Instrumente wurden zum Großteil in den sich nicht so sehr aufheizenden Gepäckraum unter dem Fahrgastraum verstaut. Eine herzliche Verabschiedung von den Gastfamilien läutete die letzte Etappe ein.
Doch schon wenige Minuten nach Abfahrt erschütterte eine schlimme Nachricht die Reisenden. Es hieß, der Bus dürfe nicht über die Grenze nach Hongkong fahren, man müsse Fahrer und Gefährt an der Grenze wechseln - und dazu alles nochmal umladen. Es half kein Jammern und kein Meckern, die Sonderverwaltungszone hat nun mal ihre eigenen Gesetze.
Als man dann nach der „kurzen“ Fahrt ausreisen wollte, gab es erneut eine schlechte Nachricht. Der Bus darf nur unbeladen die Grenze passieren, das Gepäck muss durch die Grenzanlage geschleppt werden, um wenn nötig kontrolliert zu werden. Ein Vergleich zwischen Treibstoff- verbrauch des Busses und der verschwitzten Menge Wasser würde sich hier anbieten.
Die Passkontrolle zog sich sehr in die Länge, weil der ein oder andere Grenzbeamte noch nie Buchstaben wie „ü“ oder „ß“ gesehen hat und dementsprechend ratlos war. Trotzdem wurde allen die Ausreise erlaubt, und so fand man sich in der prallen Sonne des Grenzgebiets zwischen China und Hongkong wieder zusammen und hielt Ausschau nach dem neuen Bus.
Nach einer Viertelstunde machte plötzlich eine schlechte Nachricht die Runde. Der alte Busfahrer sei so freundlich, und würde die Strecke bis zur Einreise übernehmen, da der neue Bus erst auf hongkonger Gebiet warten würde. So wurde das Gepäck so unaufwändig wie möglich von den Straßen geräumt und der Bus unordentlich vollgestopft.
Die wenigen Kilometer Niemandsland waren schnell überwunden, doch schon machte erneut eine schlechte Nachricht die Runde. Der Bus dürfe nur unbeladen nach Hongkong über die Grenze fahren. Man kümmerte sich um das Entladen. Wie immer beobachtete dies der Busfahrer aus seiner klimatisierten Kabine regungs- und ausdrucks- los. Es ist zu vermuten, dass sich bei ihm Mitleid und Schadenfreude im Gleichgewicht hielten und eine neutrale Mimik hervorbrachten. Yin und Yang eben.
Zettelchen für die Einreise wurden ausgefüllt, so gut man konnte. Schleppend durchquerte man die vielen Sperren und Kontrollen und sammelte sich in der prallen Sonne auf der anderen Seite. Wer spätestens jetzt Bedarf hatte, ordentlich Flüssigkeit nachzutanken musste mit schlechten Nachrichten rechnen, denn ab jetzt akzeptierten Geträn- keautomaten nur noch Hongkong-Dollar.
Vollständig (durchschwitzt) hielt man Ausschau nach dem neuen Bus. Doch plötzlich machte erneut eine schlechte Nachricht die Runde. Man müsse den alten Bus nochmal benutzen, da der neue erst in ein paar Kilometern die Gäste erwarten würde. Nur eine weitere Stunde Fahrt trennte jetzt die wenig bis stark demotivierten und zum Teil im Wahn lachenden, zutiefst durchnässten Touristen zum letzten Laden - naja fast letztem Laden. Aber die Plackerei am Flughafen beim einchecken sowie das Geschleppe nach der Landung in München schienen noch in weiter Ferne.
Die Landschaft wurde langsam immer urbaner und die Businsassen erholten sich langsam. Eine gute Nachricht machte die Runde, und man erfuhr, der finale Bus sei nur noch wenige Minuten entfernt, und man könne demnächst mit der Besichtigung Hongkongs starten. Doch keine gute Nachricht ohne schlechte Nachrichten. Kaum richteten sich die meisten in ihren Sitzen auf und bereiteten die müden Körper auf die bevorstehende Anstrengung vor, platzte Petrus die Blase und es kübelte mit aller Kraft vom Himmel. So machte es keinen Unterschied wie stark man sich beim Umladen engagierte, denn feuchter wurde man so oder so.
Nur drei Stunden nach Abfahrt in Shenzhen erreichte man das erste Ziel der kurzen Sightseeingtour durch Hongkong. In nur 45 Minuten durfte man sich von der Skyline beein- drucken lassen, die Avenue of Stars entlangschlendern (dem Hollywood Walk of Fame mit Handabdrücken von Berühmtheiten auf dem Weg nachempfunden), Geld wechseln, ein Klo suchen und Mittagessen besorgen sowie dieses verspeisen.
Entspannt und zufrieden startete eine fröhliche Diskussion wie man denn am zügigsten und günstigsten die höchste Erhebung auf Hong Kong Island besuchen könnte. Ob mit der Standseilbahn rauf und runter, oder die Abfahrt mit dem Bus, oder mit dem Bus rauf und der Bahn runter, oder mit Bus rauf und runter. Man entschied sich dann für die eventuell schnellste Methode.
Oben angekommen beeindruckte der Blick über Hongkong, den man bis zu zwanzig Minuten genießen konnte. Es gab Eiskugeln für fünf Euro und andere hübsche Souvenirs. Die Abfahrt vom Berg war ebenfalls sehr erfreulich, doch nachdem sie überstanden war gab es eine schlechte Nachricht, denn der Bus war noch nicht da. So bewun- derte man die Stadt von unten aus für eine weitere halbe bis dreiviertel Stunde, je nach Ankunftszeit im Tal.
Hongkong war lediglich die zweitkleinste auf der Tournee besuchte Stadt (nur Wuxi ist mit ca. sechs Millionen Einwohner kleiner), weswegen die Besichtigungszeit für ausreichend befunden und der Flughafen angesteuert wurde. Teils wehmütig ob der baldigen Abreise, teils erfreut über das nahende Ende wurde eingecheckt. Doch dabei gab es eine schlechte Nachricht. Das Personal am Schalter erwies sich als wesentlich weniger kulant als an den bisherigen Flughäfen.
Bei den zerteilten Instrumenten, bei denen die sensiblen Hälften als Handgepäck aufgegeben wurden, drückten sie zwar ein Auge zu, aber bei vollständigen Musikgeräten, hauptsächlich in China erstandene einheimische Klang- körper, zeigten sie höchste Intoleranz. Die Lösungsfindung zog sich hin während der Abflug immer näher rückte. Um etwaigen schlechten Nachrichten zu entgehen machte sich manch einer auf die Suche nach einem Korkenzieher zwecks Erfüllung eines leicht paradoxen Ziels, nämlich der „Rettung“ des Inhalts einer Flasche Wein vor der Vernichtung durch das Sicherheitspersonal.
Die Boarding Time konnte doch noch von allen eingehalten werden, obwohl der Instrumententransport nicht für alle befriedigend und sicher genug erledigt werden konnte. Die Erschöpfung des Tages machte sich bemerkbar, und kaum im Flieger eingestiegen war das Vernünfigste einfach zu schlafen.
Dieser Montag war auch in China etwas besonderes, ein großer Feiertag, der wichtigste des Jahres neben dem Neujahrsfest. Nicht etwa die Abreise der dudelnden Mitteleuropäer wurde gefeiert, sondern das Mondfest. Die ganze vergangene Woche durfte man sich durch Mond- kuchen futtern, die mal gut, mal fast gut mondeten [sic]]. Den Höhepunkt fanden die Feierlichkeiten nur zufällig während der Abreise, hatte aber auch einen hübschen Nebeneffekt. Während der Anfangsphase des Flugs konnte man unter sich und so weit das Auge blicken konnte un- zählige Feuerwerke beobachten. Ein passender Abschluss für die großartige Reise.
Doch nun eine schlechte Nachricht für den Leser. Der Tag war noch lange nicht vorbei, es folgt eine ausführliche Beschreibung der Zwischenlandung in Peking.

Tag 15½ & Tag 16

Höchst unausgeschlafen erwachte man bei der abrupten Landung in Peking. Der letzte Stopp in China war der gleiche wie der erste - aus erzähltechnischen Gründen natürlich optimal.
Wie bei schlimmen Unfällen, bei denen man einfach nicht wegsehen kann, machten auch kurz nach Verlassen des Flugzeuges viele den Fehler und sahen dem Flughafen- personal beim Entladen des Gepäckraums zu. Man kann natürlich tiefes Verständnis dafür haben, wie demoti- vierend es ist, an einem hohen Feiertag um Mitternacht arbeiten zu müssen, aber nicht dafür, seinen Job schlecht zu machen.
Man muss ja schon sehr arbeitnehmerfreundlich sein, um freiwillig zu akzeptieren, dass Gepäckstücke mit transport- resistenen Inhalten wie Kleidung einfach aus dem Flugzeug auf Transportbänder oder ähnlichem fallen gelassen wird. Wenn aber das Personal so viel Hass auf Gepäck und die Welt im Allgemeinen hat wie das dort beobachtete, gibt es keinen Grund sich nicht aufzuregen. Die Koffer wurden mit vollstem Schwung aus dem Gepäckraum hinausgeschleu- dert und in zwei nebeneinander stehenden Containern geschmettert. Man hatte das Gefühl, die Packer machten sich ein Spiel daraus, wer am häufigsten und heftigsten die Kante aus den beiden Behälterwänden trifft. Jedes mal, wenn man glaubte einen Instrumentenkoffer so fliegen zu sehen, ging ein Raunen und Stöhnen durch die Menge. Nur schwer konnte man sich von diesem magenumdrehenden Schauspiel abwenden und sich dem Anschlussflug widmen.
Im Terminal drei des Hauptstadtflughafens verabschiedete man die treue chinesische Begleitung und dankte für deren grenzenlosen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Eine weitere kurze Kontrolle genügte, um jedem noch die Möglichkeit zu geben, die letzten Reste der Fremdwährung auszugeben. Die einzige Möglichkeit neben günstigen Getränken in Automaten bot um diese Uhrzeit nur noch eine Filiale einer Kaffeehauskette.
Der Flug verlief ruhig, man war schlichtweg nicht mehr im Stande noch viel zu tun. Mit Anbruch des sechzehnten Tages landete man in München und hoffte auf unbescha- detes Gepäck. Bei der Rückgabe wurde keiner enttäuscht, was den Wunsch an vollständige Reiseutensilien betrifft, wohl aber in Sachen Beschädigung. Einige Instrumente wurden zum Teil arg in Mitleidenschaft gezogen und be- durften in der Folgezeit ausgiebige Reparaturen.
Mit Erhalt der Koffer begann der Abschiedsmarathon, und nach und nach verstreuten sich die müden Menschen. Die Reise war zu Ende.